Die etwas andere Schulstunde

THEATER-PROJEKT Volle Punktzahl: Das Mannheimer „Lauschgift-Dezernat“ zu Besuch in Heppenheim

Aufgeregt saßen die Mädchen und Jungen der 3a und 3b am Donnerstagnachmittag (20.03.17) gemeinsam in einem Klassenzimmer der Heppenheimer Konrad-Adenauer-Schule. Ein Mathe-Kopfrechen-Test sollte stattfinden – unter strenger Aufsicht. Sehnsüchtig ließen viele den Blick nach draußen wandern – welch herrlicher Sonnenschein.

Nur wenige Augenblicke später waren die Schüler Teil eines organisierten „Lauschangriffs“ des Mannheimer „Lauschgift-Dezernates“. Es dauerte ein paar Minuten, bis auch die Letzten merkten, dass die Sache mit der Rechen-Prüfung eine Ente war. Stattdessen war eine Abordnung des Ensembles der Jungen Oper des Nationaltheaters Mannheim hereingeschneit: Frau Dr. Sauerfurth-Ludenwurg und Jörg, ihr Assistent, nahmen das Klassenzimmer ganz akribisch unter die Lupe, Was sie suchten? Klänge, Rhythmen und zunächst einmal Dezibel. In ihren weißen Kitteln marschierten die beiden Wissenschaftler durch Klassenzimmer, verfolgt von ungläubigen Blicken der Kinder. Waren diese Erwachsenen, die doch eigentlich mit ihnen rechnen sollte, übergeschnappt?

Erst Kreidequietsch-Test, dann Silben-Turbo

„Kreidequietsch-Test“, so die Aufforderung der Frau Doktor, und brav malte Mörg auf die Tafel. Wasserlauf-Test, Stuhlsturz, Buchwald: Die Anweisungen wurden immer mehr. Alles, was Geräusche machen kann, wurde getestet. Und Jörg notierte brav die Dezibelwerte. Und immer verunsicherte Blicke bei einigen, während andere prusteten und längst kapiert hatten, dass sie mitten in einem ebenso aberwitzigen wie unterhaltsamen Theaterstück gelandet waren. Wie gebannt verfolgten sie das Geschehen, machten alles mit. Ist es wirklich ganz still, wenn keiner ein Geräusch macht? Nein, stellten die Kids fest. Auch, wenn sie sich noch so anstrengten: Da tickte die Wanduhr, hier atmete einer laut. Die perfekte Stille im Klassenzimmer gibt es nicht.

Sekunden später packten die beiden Protagonisten, die im wirklichen Leben Simone Oswald und Peter Hinz heißen, riesige Stifte aus, schlugen mit ihnen einen Rhthymus und marschierten durch den Raum – ein Cha-Cha-Cha, begleitet von einem Sprechgesang. Als der Trubel immer mehr wurde, rief Dr. Sauerfurth-Ludenwurg zum Leisigkeits-Test auf. Ein Schüler musste mit einer Hupe immer dann töten, wenn er das, was Mörg vorlas, nicht mehr hören konnte. Der wurde beim Lesen immer leiser …und trööööt. Am Ende stand fest: „Die Leisigkeit beträgt drei Zentimeter im Dreieck“.

Dann wurden „Sise“ bestimmt. Eine Maßeinheit, die bis dato noch keiner kannte. Sie steht für „Silben pro Sekunde“. Jetzt wurden den Schüler und Lehrer Ohrenzeugen gleich mehrere Schnell-Lese-Vorträge der Wissenschaftlerin. In immer aberwitzigerem Tempo las sie einen Text. Erst gut verständlich, am Ende nur noch ein wahres Maschinengewehrfeuer an Silben. Frenetischer Jubel der Kinder.

Das Klassenzimmer bekam zwischendrin eine Eins mit Sternchen für seine „Raumklang-Diversität“. Die Fremdwörter und auch erfundene „Fachbegriffe“ faszinierten die Mädchen und Jungen. „Alter“, murmelte einer Minuten später nur noch fassungslos vor sich hin, als er mit dem Ohr auf der Tischplatte lauschte, welch faszinierende Geräusche so ein kleiner bunter Gummiball machen kann, der über den Tisch gezogen wird. „Das klingt wie ein Wal“, rief eine. „Nein wie ein Motorrad“, so eine andere Meinung. „Es surrt“, stellte Lehrerin Sabine Schreck beeindruckt fest. Ein im Kreis herumgewirbeltes Plastik-Springseil klingt wie Wind, ein Geigenbogen, über die Kante der Tafel gezogen, erzeugt schreckliche Quietschgeräusche. Am Ende mündete alles in ein Konzert: Auf- und zuklappende Scheren klangen wie Vogelgezwitscher, Holzstifte, mit dem Ende auf den Tisch gestupst, wie Hagel. Papierbögen erzeugten Geräusche wie Blätter im Wind. Schlug man mit einer Hand gegen sie, dann hörte man den Blitz.

Viel zu schnell war die besondere Schulstunde vorüber.

Quelle: Starkenburger-Echo am 24.3.17, verfasst von Astrid Wagner

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.